Alexander und der unlösbare Knoten

Wie ein junger König ein uraltes Rätsel löste

Für Kinder ab etwa 9 Jahren

Vor mehr als zweitausend Jahren lag im Land Phrygien, im Gebiet der heutigen Türkei, eine Stadt namens Gordion. Sie sah aus wie viele andere Städte ihrer Zeit, es gab Häuser, Märkte und Tempel, und jeden Tag gingen die Menschen ihrer Arbeit nach. So war Gordion eigentlich nichts Besonderes, und doch war die Stadt weit über ihre Grenzen hinaus bekannt.

Denn in einem ihrer Tempel stand seit vielen Jahren ein alter Wagen. Auf den ersten Blick schien er nichts Besonderes zu sein, doch viele Menschen kamen nur seinetwegen nach Gordion. Einer alten Prophezeiung zufolge sollte derjenige, dem es gelang, den Knoten an seinem Seil zu lösen, einmal über ganz Asien herrschen.

 

Dieser Knoten jedoch, mit dem das Seil an einem hölzernen Pfosten befestigt war, war so kunstvoll geknüpft, dass niemand erkennen konnte, wo das Seil begann oder endete. Viele Männer und Frauen kamen nach Gordion, um ihr Glück zu versuchen. Manche zogen vorsichtig am Seil, andere suchten nach einem verborgenen Ende oder verbrachten Stunden damit, den kunstvollen Knoten zu betrachten. Doch niemand fand eine Lösung.

Je mehr Menschen daran scheiterten, desto weiter verbreitete sich seine Geschichte. Schon bald sprach man weit über die Grenzen Gordions hinaus vom gordischen Knoten und während Jahr um Jahr verging, vermochte ihn niemand zu lösen.

 

Doch eines Tages kam ein junger König in die Stadt. Sein Name war Alexander und obwohl er erst zwanzig Jahre alt war, hatte er bereits viele Schlachten gewonnen und führte ein großes Heer an. Er war mutig, klug und voller Tatendrang und sein größter Wunsch war es, sein Reich immer weiter auszudehnen.

Als Alexander von dem geheimnisvollen Knoten hörte, wollte auch er ihn mit eigenen Augen sehen. Gemeinsam mit seinen Begleitern betrat er den Tempel und als sie vor dem alten Wagen standen, sahen sie, dass der Knoten tatsächlich so kunstvoll geknüpft war, dass selbst Alexander nicht erkennen konnte, wo das Seil begann oder endete.

 

Kaum sahen die Menschen den jungen König, drängten sich die Menschen um ihn und verfolgten gespannt jeden seiner Schritte.

»Vielleicht gelingt es ihm«, flüsterte einer.

»Oder er scheitert wie alle anderen«, meinte ein anderer.

Alexander kniete sich vor den Knoten und betrachtete ihn lange. Er fuhr mit den Fingern über das raue Seil, drehte es vorsichtig und suchte nach einem losen Ende. Doch es gab keines.

Niemand wagte auch nur ein Wort zu sagen.

Schließlich richtete sich Alexander wieder auf und betrachtete den Knoten ein letztes Mal. Plötzlich huschte ein Lächeln über sein Gesicht: Die Prophezeiung hatte nur gesagt, dass der Knoten gelöst werden müsse. Sie hatte jedoch nie erklärt, wie das geschehen sollte.

Dann zog Alexander sein Schwert und mit einem einzigen kräftigen Hieb durchtrennte er das dicke Seil. Im selben Augenblick löste sich der geheimnisvolle Knoten, das kunstvoll verschlungene Seil fiel auseinander, und das Rätsel, an dem so viele Menschen gescheitert waren, war mit einem Schlag gelöst.

Für einen kurzen Augenblick hielt die Menge den Atem an, dann ging ein leises Raunen durch den Tempel. Einige Menschen jubelten, andere schüttelten ungläubig den Kopf.

Denn nun stellte sich eine neue Frage: Hatte Alexander den Knoten wirklich gelöst oder ihn einfach nur mit seinem Schwert zerstört? Selbst die Priester begannen darüber zu diskutieren und konnten sich nicht einigen und bis heute beschäftigt diese Frage die Historiker.

 

Manch alte Schriftsteller erzählten allerdings eine ganz andere Geschichte. Ihrer Meinung nach hatte Alexander den Knoten gar nicht mit seinem Schwert durchtrennt, stattdessen soll er einen verborgenen Holzstift entdeckt haben, der den Wagen zusammenhielt und als er ihn herauszog, löste sich der Knoten ganz von selbst.

Welche dieser beiden Geschichten also wahr ist und wie es sich wirklich zugetragen hat, werden wir wohl nie erfahren. Denn schließlich liegen die Ereignisse mehr als zweitausend Jahre zurück.

 

Geblieben ist jedoch eine Redewendung, die bis heute verwendet wird. Vielleicht hast du schon einmal gehört, dass jemand den »gordischen Knoten durchschlagen« hat. Damit meint man, für ein schwieriges Problem eine überraschende Lösung zu finden.

Genau deshalb erzählen wir die Geschichte von Alexander noch heute. Nicht weil wir wissen, was damals wirklich geschah, sondern weil sie uns daran erinnert, dass manche Probleme nicht mit mehr Kraft gelöst werden, sondern mit einer guten Idee.