Giotto und der gemalte Kreis
Eine kleine Geschichte aus der Welt der Malerei
Vor vielen hundert Jahren, als die Menschen noch dachten, dass Engel mit goldenen Flügeln über flache Himmelsscheiben fliegen, lebte in der Toskana ein Junge namens Giotto. Er wuchs auf dem Land auf, zwischen Schafen, Wiesen und Hügeln, und was er am liebsten tat, war malen. Er malte alles, was er sah, nicht nur Blumen und Tiere, sondern auch Menschen., und er versuchte sie so zu malen, wie sie wirklich aussahen.
Eines Tages kam ein alter Mann an seiner Wiese vorbei. Er sah, wie der Junge mit einem Stück Kreide auf einen Stein ein lachendes Gesicht zeichnete. Und er war beeindruckt vom Können des Kindes. Dieser Mann war Cimabue, ein berühmter Maler aus Florenz, und er fragte Giottos Vater: »Darf ich ihn mitnehmen? Ich glaube, aus diesem Jungen wird einmal etwas Großes.«
Und so kam Giotto in die Stadt und lernte das Malen mit echten Farben und auf Papier und Leinwand.
Viele Jahre später, als Giotto selbst ein berühmter Künstler geworden war, kam ein Bote vom Papst. Der Papst wollte wissen, welcher Maler am besten sei und so bat er Giotto um eine kleine Probe seiner Kunst.
Doch Giotto malte kein farbenfrohes Bild. Er nahm einfach einen Pinsel, tunkte ihn in rote Farbe und malte einen einzigen Kreis. Mit freier Hand, ohne Zirkel oder Hilfsmittel – aber so rund, dass niemand glauben konnte, er sei nicht mit einem Werkzeug gezogen.
Der Papst staunte, denn er wusste: Wer einen Kreis so frei und so klar malen kann, muss Meister seines Handwerks sein. Und so wurde Giotto zum ersten Maler seiner Zeit.
