Tartini und die Melodie aus dem Traum

Vor mehr als dreihundert Jahren lebte in Italien ein Mann, der als einer der besten Geiger seiner Zeit galt: Giuseppe Tartini. Wenn er in den großen Konzertsälen Europas spielte, lauschten ihm die Menschen voller Bewunderung, denn seine Finger glitten scheinbar mühelos über die Saiten der Geige und manchmal hatte man das Gefühl, das Instrument selbst beginne zu singen.

Doch wenn man Tartini gefragt hätte, welches Erlebnis ihm sein ganzes Leben lang unvergesslich blieb, hätte er vermutlich nicht von einem Konzert erzählt.

Sondern von einer einzigen Nacht.

 

Es war ein ganz gewöhnlicher Abend. Nachdem Tartini viele Stunden geübt hatte, legte er seine Geige sorgfältig in ihren Kasten und schloss den Deckel. Draußen wurden die Straßen langsam still, die letzten Schritte der Passanten verhallten in der Ferne und nach und nach erloschen die Lichter in den Häusern.

Schließlich begab sich auch Tartini zur Ruhe und schon bald fiel er in einen tiefen Schlaf.

Noch ahnte er nicht, dass in dieser Nacht eine Geschichte beginnen würde, die mehr als dreihundert Jahre später noch immer erzählt wird.

 

Viele Jahre später berichtete Tartini selbst, was er in jener Nacht erlebt haben wollte. Er erzählte, dass plötzlich der Teufel vor ihm gestanden habe. Wortlos sei er näher gekommen, habe die Geige in die Hand genommen und Tartini einen Augenblick lang angesehen.

Doch dann geschah etwas völlig Unerwartetes.

Denn der Teufel erschien nicht als schreckliches Ungeheuer. Er drohte nicht, lachte nicht und sprach nicht einmal ein einziges Wort. Einen Augenblick lang herrschte vollkommene Stille. Dann hob er den Bogen, setzte ihn auf die Saiten und begann zu spielen.

 

Was nun erklang, hatte Tartini nach eigener Aussage noch nie zuvor gehört. Die Melodie war schnell und voller Kraft. Manche Töne schienen wie ein Wirbelwind durch den Raum zu tanzen, andere klangen so zart, als würden sie sich beinahe in der Stille verlieren. Immer neue Melodien entstanden scheinbar mühelos, eine schöner als die andere. Tartini hörte voller Staunen zu und je länger das geheimnisvolle Spiel dauerte, desto stärker wurde ihm bewusst, einer Musik zu lauschen, wie sie noch kein Mensch zuvor gehört hatte.

Doch plötzlich verstummte die Musik und im selben Augenblick schlug Tartini die Augen auf. Sein Zimmer lag still im ersten Morgenlicht, die Geige lag dort, wo er sie am Abend zuvor hingelegt hatte und der geheimnisvolle Besucher war verschwunden.

Und doch war etwas geblieben. Denn tief in seinem Inneren klang die wunderbare Melodie noch immer nach.

Sofort sprang Tartini aus dem Bett, griff nach seiner Geige und begann zu spielen. So schnell er konnte, versuchte er, die wunderbaren Klänge wiederzufinden, bevor sie in seiner Erinnerung verblassten. Manche Melodien gelangen ihm sofort, andere schienen sich immer wieder seinem Zugriff zu entziehen, doch jedes Mal begann er von Neuem.

Immer wieder legte er die Geige beiseite, warf hastig einige Noten aufs Papier und begann von Neuem. Stundenlang arbeitete er auf diese Weise. Aus Stunden wurden Tage, und aus Tagen wurden Wochen. Er änderte einzelne Töne, fügte neue Melodien hinzu oder strich ganze Abschnitte wieder, wenn sie nicht so klangen wie die Musik, die ihm noch immer im Kopf nachhallte.

Und schließlich sollte daraus Schritt für Schritt seine heute so berühmte Sonate für Violine entstehen.

Als Tartini die neue Sonate zum ersten Mal vor Publikum spielte, lauschten die Zuhörer gebannt. Als der letzte Ton verklungen war, brach begeisterter Applaus aus und schon bald sprach man weit über Italien hinaus von dem außergewöhnlichen Werk.. Doch Tartini selbst war nie ganz zufrieden. Zwar zählte er die Sonate zu seinen besten Kompositionen, doch verglichen mit der Musik, die er in seinem Traum gehört hatte, sei sie nur ein schwacher Schatten davon gewesen.

Dennoch wurde das Stück weltberühmt. Heute kennen wir es unter dem Namen »Teufelstriller-Sonate«, und wer sie hört, versteht schnell, warum sie diesen Namen trägt.

Denn die Geige springt in rasendem Tempo von einem Ton zum nächsten, schwierige Doppelgriffe wechseln sich mit blitzschnellen Läufen ab und kunstvolle Verzierungen lassen die Melodie immer wieder in neuem Glanz erstrahlen. Manche Passagen verlangen den Musikerinnen und Musikern höchste Konzentration und große Fingerfertigkeit ab, und selbst erfahrene Geiger üben jahrelang, bevor sie das Werk öffentlich aufführen.

Bis heute gilt die Teufelstriller-Sonate deshalb als eines der schwierigsten Stücke, die jemals für Violine geschrieben wurden.

 

Ob Tartini diesen Traum allerdings wirklich erlebt hat, wissen wir heute nicht mehr. Vielleicht geschah alles genau so, wie er es später erzählte. Vielleicht entstand diese Geschichte aber auch erst, als er versuchte zu erklären, woher die außergewöhnliche Musik seiner Sonate kam.

Nach mehr als dreihundert Jahren lässt sich das nicht mehr mit Sicherheit sagen. Geblieben ist jedoch eine der schönsten Geschichten der Musikgeschichte.

 

Denn sie erinnert uns daran, dass manche Melodien ihren Anfang vielleicht nicht nur in Fleiß und Übung nehmen. Manchmal beginnen sie mit einer Idee, einer flüchtigen Eingebung oder einem Traum, der uns auch nach dem Erwachen nicht mehr loslässt. Vielleicht wird gerade deshalb die Geschichte von Giuseppe Tartini bis heute weitererzählt.